Ich war noch nicht einmal selbst Veganerin, da hatte ich schon meine erste Grundsatzdiskussion mit einer überzeugten Fleisch-Esserin über vegane bzw. vegetarische Fleisch-Ersatzprodukte. „Echte Veganer essen so etwas nicht“, klärte sie mich ungefragt auf. Und die Grundlage ihrer Expertise reichte sie auch gleich hinterher: „Mein Bruder ist Veganer.“ Da auch ich gerne mal im Sommer meinen Senf auf eine Tofu-Wurst  schmierte – um der alten Zeiten willen -, argumentierte ich mit Essen als sozialem Ereignis, mit Nostalgie und Ausnahmen, was sie auch als Argument akzeptierte.

Seit damals ist „Und diese Ersatzprodukte, das geht ja gar nicht!!“ ein „Argument“, das ich besonders häufig höre, wenn ich – wie Menschen, die sich vegan ernähren, das ja bekanntlich ständig tun – erzähle, wie ich mich ernähre.

Es gibt einige Gründe gegen Fleisch-Ersatzprodukte, zum Beispiel:

  • Sie sind oft in viel Plastik eingepackt.
  • Es ist nicht immer ganz klar, was drin ist, und manche Inhaltsstoffe sind sicher unnötig.
  • Viele vegetarische Fleisch-Ersatzprodukte setzen auf Milch und Ei als Ersatzstoff, was nicht wirklich besser ist.
  • Sie sind verhältnismäßig teuer.
  • Einige der Hersteller produzieren hauptsächlich Fleisch, sodass man mit dem Geld, das man für diese Produkte ausgibt, indirekt auch die Fleisch-Industrie unterstützt.

Grund 1-4 lassen sich leicht lösen (selbst machen, es gibt wirklich tolle und einfache Rezepte), bei Grund 5 bin ich gespalten – schließlich hilft man einem Unternehmen so bei der Transition weg von Tierleid hin zu pflanzlicher Produktion, aber auch das kann ich absolut als Argument nachvollziehen.

Was kein Grund ist, ist „Echte Veganer essen so etwas nicht“. Was bitte sind denn „echte Veganer“ (und -innen)? Gibt es da ein Zertifikat? Ich dachte bisher, es reicht, wenn man auf tierische Produkte verzichtet.

Der Hintergrund solcher Argumentation ist natürlich klar. Wer sich entscheidet, kein Fleisch mehr zu essen, soll eben auch wirklich verzichten und nicht irgendeinen Ersatz essen, der es einem einfacher macht. Wie blöd ist das denn, wenn man behaupten darf, dass man auf Fleisch verzichet und sich dann ein Veggie-Schnitzel reinzieht? Und überhaupt, warum imitieren diese Veganer denn Fleisch, wenn sie es nicht essen wollen?

Nun ja, in den meisten Fällen wird ja gar kein Fleisch imitiert. Ein Schnitzel, ein Döner oder eine Frikadelle sind auch stark verarbeitet, mit Gewürzen (pflanzlich) geschmacklich verändert und insgesamt weit von dem entfernt, was es einmal war.  Wenn irgendetwas imitiert wird, dann ein bestimmter Geschmack, den Fleisch von Natur aus auch nicht hat.

Ich selbst esse – bezogen Fleisch-Ersatz – gerne Tofu, Falafel, Burger aus Bohnen, Getreide oder Gemüse und hin und wieder eben auch gerne etwas, das gewürzt und geformt ist wie Fleisch gewürzt und geformt wird. Mein Grund dafür ist derselbe, der von Fleischessern herangezogen wird, um Massentierhaltung, Tierleid und Umweltzerstörung zu rechtfertigen: Weil’s schmeckt. Wer seinen eigenen Geschmack so wichtig nimmt und über nahezu alles stellt, sollte den anderer Menschen auch respektieren.

Denn ein Gutes hat es ja, dass es solche Produkte gibt: Dadurch wird es für Menschen, die nicht so gerne auf den Fleisch-Geschmack verzichten wollen, aber auch keine tierischen Produkte essen wollen, leichter, vegan zu leben.

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